Nicht erst die (gerade aktuelle) Öl- und Gaspreiskrise zeigt: Der Ausbau erneuerbarer Energien gehört zu den zentralen Aufgaben unserer Zeit. Regionen verfolgen ambitionierte Strategien, um ihre Energieversorgung zu dekarbonisieren und zugleich neue wirtschaftliche Wertschöpfung zu generieren – und unabhängig zu werden von geopolitischen Entwicklungen.
Daraus resultiert eine zentrale Frage für die räumliche Planung: Konkurrieren Standorte für erneuerbare Energien mit dringend benötigten Gewerbeflächen? Die Antwort ist überraschend komplex – und zeigt, dass Energiewende und wirtschaftliche Entwicklung keineswegs zwangsläufig im Widerspruch stehen müssen.
Flächenbedarf der Energiewende: Wie groß ist der tatsächliche Wettbewerb um Raum?
Der Ausbau erneuerbarer Energien benötigt Raum – sowohl für die Energieerzeugung selbst als auch für die notwendige Infrastruktur – wie Windenergieanlagen, Photovoltaik-Freiflächenanlagen, Umspannwerke und Stromleitunge, oder Speicher- und Netzanschlusstechnologien.
Der Flächenbedarf ist dabei je nach Technologie unterschiedlich. Für Photovoltaik-Freiflächenanlagen werden typischerweise etwa 1,5 bis 2 Hektar pro Megawatt installierter Leistung benötigt. Ähnliche Größenordnungen gelten für Windenergieanlagen an Land. Allerdings relativiert sich dieser Flächenbedarf teilweise dadurch, dass Photovoltaik auch auf bereits versiegelten Flächen, insbesondere auf Dächern von Wohn- und Gewerbegebäuden, installiert werden kann.
Dennoch bleibt der Druck auf Flächen hoch. Neben Energieerzeugung konkurrieren auch weitere Nutzungsansprüche um Raum. Gerade in wirtschaftlich dynamischen Regionen führt diese Vielzahl an Anforderungen zu einer zunehmenden Verdichtung der Flächennutzung.
Mehrfachnutzung statt Konkurrenz: Neue Ansätze in der Flächenplanung
Der Ausbau erneuerbarer Energien wird natürlich durch gesetzliche Vorgaben stark beeinflusst. In der Praxis zeigt sich, dass Energieerzeugung und gewerbliche Nutzung nicht zwangsläufig konkurrieren müssen. Vielmehr entstehen neue Modelle, die beide Funktionen miteinander verbinden.
Ein wichtiger Ansatz ist die Mehrfachnutzung von Flächen. So können beispielsweise:
- Photovoltaikanlagen auf Gewerbehallen installiert werden,
- Windenergieanlagen in Industriegebieten integriert werden,
- oder Energiesysteme direkt in Gewerbeareale eingebunden werden.
Ein weiterer Baustein sind sogenannte Power Purchase Agreements (PPAs). Dabei schließen Unternehmen langfristige Stromlieferverträge mit Betreibern von erneuerbaren Energieanlagen ab. Besonders attraktiv sind sogenannte On-Site-PPAs, bei denen Strom direkt vor Ort produziert und genutzt wird. Dadurch lassen sich nicht nur Energiekosten stabilisieren, sondern auch Netzentgelte reduzieren.
Darüber hinaus gewinnen Hybridsysteme zunehmend an Bedeutung. Diese kombinieren verschiedene Energiequellen – etwa Windkraft, Photovoltaik und Batteriespeicher – und ermöglichen eine stabilere Energieversorgung.
Neue Chancen für Standortentwicklung und regionale Wertschöpfung
Gerade in Regionen mit guten infrastrukturellen Voraussetzungen können erneuerbare Energien zu einem wichtigen Standortfaktor werden. Küstennahe Gebiete mit leistungsfähigen Stromnetzen und ausreichenden Flächenpotenzialen bieten beispielsweise günstige Voraussetzungen für die Ansiedlung energieintensiver oder energiewendeaffiner Unternehmen.
Ein besonderes Potenzial liegt im Aufbau von Standorten für die Produktion von grünem Wasserstoff. Diese benötigen nicht nur große Mengen erneuerbarer Energie, sondern auch ausreichend Wasser sowie leistungsfähige Netzinfrastruktur. Regionen mit vorhandenen Hochspannungsleitungen und Umspannwerken können hier entscheidende Wettbewerbsvorteile entwickeln.
Die Energiewende wird damit (auch in Zukunft) zu einem Treiber regionaler Wirtschaftsentwicklung.
Flächensparen bleibt zentrale Herausforderung
Trotz positiver Beispiele bleibt der Umgang mit begrenzten Flächen eine zentrale Herausforderung. Sowohl die Energiewende als auch wirtschaftliches Wachstum erhöhen den Flächenbedarf. Um Nutzungskonflikte zu reduzieren, gewinnen daher klassische Instrumente der Stadt- und Regionalentwicklung wieder an Bedeutung. Dazu gehören insbesondere:
- Nachverdichtung bestehender Gewerbegebiete
- Revitalisierung brachliegender Flächen
- aktives Flächenmanagement.
Durch eine stärkere Nutzung bereits erschlossener Standorte lassen sich zusätzliche Flächenpotenziale erschließen, ohne neue Flächen im Außenbereich zu beanspruchen.
Fazit
Die Energiewende verändert die Anforderungen an die Flächennutzung grundlegend. Der Ausbau erneuerbarer Energien benötigt Raum – gleichzeitig sind Regionen auf ausreichend Gewerbeflächen angewiesen, um wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen.
Beispiele aus der Metropolregion Hamburg zeigen, dass beide Ziele miteinander vereinbar sind, wenn Planung und Standortentwicklung strategisch zusammengedacht werden. Integrierte Konzepte, Mehrfachnutzung von Flächen und die Verbindung von Energieerzeugung mit industrieller Wertschöpfung eröffnen neue Perspektiven für eine nachhaltige Regionalentwicklung.
Die zentrale Aufgabe für Politik, Planung und Wirtschaft besteht darin, diese Potenziale aktiv zu gestalten – und die Energiewende nicht als Konkurrenz, sondern als Chance für innovative Standortentwicklung zu begreifen.
PS: Wie angespannt die Flächensituation in der Metropolregion Hamburg tatsächlich ist, zeigt auch das Gewerbeflächenmonitoring 2022/23, das wir von MODULDREI mit erarbeitet haben: Die Region erlebt wachsende Flächenkonkurrenz zwischen Gewerbe, Wohnen, Landwirtschaft und erneuerbaren Energien, während Nachhaltigkeit, Akzeptanz und interkommunale Kooperation immer wichtiger werden. Welche Erkenntnisse das Monitoring für die zukünftige Flächenentwicklung liefert, lesen Sie in der gesamten Gewerbeflächen-Bilanz 2022/23 der Metropolregion Hamburg.

Lukas Drolshagen
Sie stehen vor der Frage, wie sich erneuerbare Energien und Gewerbeflächen in Ihrer Region sinnvoll verbinden lassen? Ich freue mich auf einen Austausch mit Ihnen: +4923147700376
