Warum kommunale Unternehmen sich auf andere Arbeitsweisen einstellen müssen – Organisationsentwicklungs-Coach Wojtek Gorecki im Interview

Herr Gorecki, immer mehr Unternehmen setzen auf agiles Arbeiten und Selbstorganisation der Beschäftigten. Wieder ein Trend, dem alle hinterherlaufen?

Die Begriffe sind schon sehr verbraucht. Der Gedanke dahinter aber nicht. Die Welt und damit auch die Märkte werden immer komplexer. Man kann auch sagen, dass das Potenzial für Ausnahmen steigt. Agilität lässt sich bei denen beobachten, die besonders gut damit umgehen können. 

Halten Sie agile Prozesse für kommunale Unternehmen geeignet?

Nicht pauschal. Die Organisationsform muss immer zur Art der Wertschöpfung passen. Agilität ist kein Rezept, das Unternehmen einfach anwenden können. Es ist wichtig, die bestehenden Regeln und Prozesse zu hinterfragen, da genau diese für Ausnahmen nicht geeignet sind. Agilität stellt sich ein, wenn die Menschen den Raum haben, selbst zu entscheiden, um neue Probleme zu lösen. Hier sind Prinzipien besser geeignet als Regeln. 

Welche Besonderheiten sehen Sie für Stadtwerke mit unterschiedlichen Abteilungen?

Verschiedene Abteilungen führen zu unterschiedlichen Arbeitsweisen und Unternehmenskulturen. Unternehmen sollten sich davon lösen, dass es eine einheitliche Kultur geben muss. Jede Abteilung muss für sich eine eigene Arbeitsweise finden, die zu möglichst viel Wertschöpfung für die Kunden führt. Das kann agil funktionieren. Für die Stadtwerke ist Flexibilität besonders wichtig, weil sie sich in einer sehr komplexen Welt bewegen: Der Klimawandel führt zu immer neuen Themen, mit denen sie sich beschäftigen müssen und für die es keine fertigen Konzepte gibt. 

Heißt selbstorganisiertes Arbeiten: Jeder macht, was er will, wann er will? 

Selbstorganisiertes Arbeiten heißt nicht, dass es keine Führung – im Sinne von Steuerung – mehr gibt. Führung wird vielmehr auf mehrere Menschen verteilt. Jeder führt also mal, wenn er oder sie die passende Idee hat. Damit bedeutet Führung auch, mehr Entscheidungen treffen zu dürfen. Selbstorganisation funktioniert also nicht von ganz allein. Es erfordert eine langsame Heranführung an das Thema und Selbstmanagement-Schulungen 

Wie sollten Unternehmen mit internen Abwehrmechanismen umgehen? 

Jedes Unternehmen hat einen Immunapparat. Dieser wird immer dann aktiviert, wenn man versucht, etwas zu verändern. »Das haben wir schon immer so gemacht«, heißt es dann. Eine Voraussetzung für Selbstorganisation ist, dass es keine »Helden« mehr gibt, also Personen mit besonders viel Macht und Verantwortung. In der Regel geben diese Menschen ihre Macht nicht gerne ab. Eine vielversprechende Strategie: Schutzräume schaffen. Ein Team bekommt eine relevante Problemstellung und den nötigen Freiraum, um eine Lösung zu finden. Dabei ist das Team befreit von allen bisherigen Strukturen und Vorgaben der Organisation. Wenn das Team es schafft, ist die Bereitschaft höher, dieses neue Vorgehen im restlichen Unternehmen zu akzeptieren. Spannende Beobachtung: Corona schafft zurzeit einen globalen Schutzraum, in dem Neues ausprobiert wird.

Führt Selbstorganisation zu mehr Effizienz?

Effizienz ist nur ein Hebel, um komplizierten Problemen zu begegnen, bei denen wir wissen, wie diese zu lösen sind. Aber die Welt ist mittlerweile zu komplex, um die Mechanik hinter vielen Problemen zu verstehen. Selbstorganisiertes Arbeiten ist chaotisch, lebendig, kreativ. Es führt nicht zu Effizienz, sondern dazu, dass wir komplexen Problemen intuitiver begegnen und sie so überhaupt lösen können. Um mal den Unterschied zu erklären: Komplizierte Probleme lösen wir mit Wissen. Komplexe Probleme, indem wir mit neuen Ideen Überraschungen begegnen.

Wie wirkt sich Agilität auf das Thema Recruiting aus?

Normalerweise suchen Unternehmen Menschen mit den besten Zeugnissen und Zertifikaten für bestimmte Aufgaben. Für die Bewältigung komplexer Probleme brauchen wir jedoch Könner und nicht »Wisser«. Referenzen sind viel bessere Belege dafür, dass Menschen das gefragte Können für komplexe Aufgaben mitbringen, also intuitiv richtig mit Ausnahmen umgehen können.

Was heißt das für den Bewerbungsprozess?

Es wird den normalen Bewerbungsprozess nicht mehr geben. Wir müssen uns von diesen starren Prozessen lösen, um die richtigen Menschen zu finden. Netzwerke werden also in Zukunft noch wichtiger.

Erstmals erschienen in der Zeitung für kommunale Wirtschaft (ZfK), Ausgabe 08/2020, Beruf & Erfolg.
Foto: Wojtek Gorecki

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PR-Beraterin Rhena Schluck

Rhena Schluck

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